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Als ich an diesem Morgen nach einem zwölfstündigen Flug aus dem Flugzeug steige, ahne ich noch nichts von den unglaublichen Erlebnissen und Abenteuern, die auf mich warten. Aufregung und Spannung sind Müdigkeit und Erschöpfung gewichen, ich sehne mich v.a. nach einem richtigen Bett und einem vernünftigen Essen (vegetarische Mahlzeiten in Flugzeugen sind einfach widerlich). Als wir drei deutschen Freiwilligen dann aber das Terminal des Kapstädter Flughafen verlassen, wartet dort die erste schöne Überraschung auf uns: Mitten in dem Flughafengebäude steht eine kleine Kinderschar in ihren Schuluniformen und begrüßt uns mit einem nicht besonders melodisch, dafür aber umso lauter und begeisterter vorgetragenem Lied, sodass der ganze Flughafen von unserer Ankunft unterrichtet ist. Das ist Südafrika, die Regenbogennation.
Von vorn: Im Februar 2009 erhielt ich von meiner Entsendeorganisation, dem evangelischen Missionswerk Südwestdeutschland (EMS), dem Verband aller protestantischen Landeskirchen sowie einiger kleinerer Missionswerke, die Zusage für eine Einsatzstelle an einer kleinen Schule für Kinder mit geistiger Behinderung in einem Kuhkaff namens Elim. Nach dem Abitur begann dann die Zeit der Vorbereitung, Seminare fanden statt, mein Visum wollte beantragt und die letzten Planungen für die Zeit danach und das Studium erledigt werden – letzteres gelang mir nicht. Dann nahte endlich der Tag des Abflugs und mit ihm das große Chaos der Gefühle, Abschiedsschmerz und grenzenlose Vorfreude auf das Unbekannte, Angst vor der Fremde und das Feuer der Reiselust in den Augen. Gehört aber irgendwie alles dazu.
Aber weiter bei der Ankunft: Je mehr wir uns von Kapstadt entfernen, desto schlechter wird die Straße. Irgendwann hoppelt der völlig überfüllte Minibus über staubige Pisten voller Schlaglöcher. Als ich dann bemerke, dass der Fahrer gerade mit 150 Stundenkilometern über die „dirt road“ heizt, wird es mir ein wenig flau in der Magengegend. Inzwischen habe ich gelernt: Das machen hier alle.
In meinen Gedanken hatte ich mir Elim immer als winziges Buschdorf ausgemalt, kleine Rundhütten aus Lehm und Steinen mit putzigen Strohdächern, die sich um einen kleinen Dorfplatz aus festgestampfter Erde drängen. Mal davon abgesehen, dass es das hier auch gibt, lag ich ziemlich falsch mit meiner Einschätzung: Elim ist gar nicht soooo klein, wie ich es erwartet hatte (knapp 2000 Einwohner) und besteht aus einer Ansammlung von hübschen Häuschen mit Rieddächern, die so gar nicht in mein klischeeüberladenes Bild passen wollten. Es gibt einige geteerte Straßen, drei Läden, eine Post, eine schöne Kirche (Elim war Missionsstation der Herrnhuter Brüdergemeinde (hier: Moravian Church)), ein Heim für Schwerbehinderte und – die Mispah School for LSEN (Learners with Special Educational Needs), meine Einsatzstelle, an der ich jetzt für 11 Monate arbeiten werde.
Inzwischen sind schon 8 Monate vorbei und ich weiß gar nicht so richtig, was ich jetzt schreiben soll. Zu viel ist geschehen, zu viele Dinge habe ich gesehen, die für einen Außenstehenden unbegreiflich sind.
Es ist wunderschön hier. Ich war und bin sehr zufrieden mit meiner Arbeitsstelle, die mir viele Möglichkeiten und Freiräume lässt. Kurz etwas zur Schule: Hier werden ca. 100 Schüler aus der ganzen Region unterrichtet, die Kinder leben während der Schulzeit im zugehörigen Hostel und verbringen nur die Ferien zuhause. Der Grad an Behinderung ist sehr unterschiedlich: Schreiben und Lesen kann eigentlich keiner, aber etliche sind nicht in der Lage zu sprechen, verstehen auch nichts von dem, was man ihnen erklärt, legen ein auffälliges Verhalten an den Tag und sind auch noch körperlich eingeschränkt. Andere dagegen wirken im ersten Moment wie gewöhnliche Kinder, die keine offensichtlichen Behinderungen haben. Und in der Tat gibt es genug, die einfach nur lernschwach, sehr faul oder beides sind (letzteres tritt am häufigsten auf). Dementsprechend schwer gestaltet sich natürlich der Unterricht, bei so einem großen Spektrum an Behinderungen und Lerngeschwindigkeiten haben die Lehrer selbst in den für südafrikanische Verhältnisse sehr kleinen Klassen (5-20 Schüler auf 1-2 Lehrer) große Mühe, ein angemessenes Tempo zu finden: Die meisten brauchen ständig Aufmerksamkeit und Betreuung, und selbst wenn man die ganze Zeit daneben steht und sagt „Mal den Kreis rot an“, dann ist der Erfolg noch nicht gewiss oder es dauert zumindest den halben Vormittag, bis man ein halbwegs vorzeigbares Ergebnis hat. Andere aber sind innerhalb von 10 min mit allen Arbeitsblättern durch und verbringen den restlichen Tag damit, diese feinsäuberlich anzumalen – auch die Jungs.
Neben der Arbeit im Unterricht versuchen wir, auch nachmittags etwas mit den Kindern zu machen. Mit viel Mühe haben wir einen kleinen Chor aufgebaut (es ist prinzipiell schon schwer, Kinder zum konzentrierten Mitarbeiten zu bringen. Aber an Kindern, die oft eine Aufmerksamkeitsspanne von unter 30 Sekunden haben, kann man sich echt die Zähne ausbeißen) und heute habe ich den ganzen Nachmittag mit den Jungs Fußball gespielt, wobei wir einen sehr zerlöcherten Ball benutzen mussten. Und dennoch, es hat sehr viel Spaß gemacht. Am kommenden Freitag werden wir abends mit einigen der Kinder am Feuer Marshmallows braten, da freuen sie sich schon seit Wochen drauf. Und ich freue mich, wenn ich sehe, wie glücklich es sie macht. Am Anfang war dieses Gefühl geradezu überwältigend, wie leicht ich diesen Kindern eine Freude bereiten konnte: Oft tollte und spielte ich mit ihnen in der Pause herum, hüpfte ausgelassen über die Wiese oder kitzelte irgendeinen der kleinen Jungs wieder einmal gehörig durch. Zwar bin ich dazu inzwischen oft zu erschöpft, aber wir spielen nachmittags oft auch zusammen HalliGalli (ein wenig Schleichwerbung muss sein) – und auch wenn sie beim Zählen bis 5 oftmals große Schwierigkeiten haben bzw. es prinzipiell nie auf die Reihe bekommen, muss ich doch nur das Spiel mit mir herumtragen und sofort sammelt sich um mich eine Schar von Kindern, die alle unbedingt mitspielen wollen.
Ich könnte noch stundenlang weiterschreiben, aber das sprengt den Rahmen eines Newsletters. Deshalb nur noch ein paar Worte zur Weltmeisterschaft: Die Vorbereitungen laufen immer noch auf Hochtouren, in ganz Kapstadt, aber auch in vielen anderen Städten, die ich besucht habe, wird wie verrückt gebaut, die Stadien sind inzwischen alle fertig und sehen ziemlich beeindruckend aus (v.a. Soccer City, das mitten in Soweto, einer riesigen Ansammlung von Townships südwestlich von Johannesburg, liegt). Die Einwohner sind unheimlich gespannt und aufgeregt, die letzte Kartenverkaufsphase fand vor kurzem statt und ich habe noch nie so lange Schlangen gesehen. Überall sind Vuvuzelas (bunte, unglaublich laute Plastiktröten, werdet ihr sicher noch mitbekommen) im Einsatz, überall Plakate, Flaggen und Fernsehspots. Auch wenn Südafrika allgemein ein Sicherheitsproblem (das für Touristen allerdings geringer ist, als es die Panikmache der europäischen Medien impliziert) hat, Korruption und Vetternwirtschaft sowie Inkompetenz in den politischen Spitzenpositionen (der Leiter der ANC-YouthLeague, Julius Malema, hetzt seit Wochen gegen die Weißen, aber so langsam wächst der Widerstand) gravierende Auswirkungen haben, so glaube ich doch, dass die Weltmeisterschaft großartig wird, dieses Land ist einfach so vielseitig, bunt, lebensfroh und „vibrant“, wie sie es selbst nennen. Ich würde mich jedenfalls sehr für die Menschen hier freuen, wenn es gelänge, die europäischen Vorurteile und Klischees zu widerlegen und den Besuchern eine Nation zu präsentieren, die sich aus einer fürchterlichen Geschichte auf den „langen Weg zur Freiheit“ (Nelson Mandela) gemacht hat und bisher trotz aller Schwierigkeiten und Rückschläge Großartiges geleistet hat. |